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10 Jahre Unstatistik: Wie wir die Zahlenblindheit überwinden


Zehn Jahre gibt es nun die Unstatistik des Monats. Unser erstes Buch hat es zum Spiegel-Bestseller gebracht, das zweite erscheint in diesem Jahr. Aber noch längst gibt es keinen Anlass, sich zurückzulehnen und zu sagen: Wir haben es geschafft – Deutschland denkt statistisch. Im Gegenteil. Wir sind noch weit davon entfernt.


Warum dick nicht doof macht und Genmais nicht tötet, ein Buch von Thomas Bauer, Gerd Gigerenzer, Walter Krämer - Campus Verlag

Thomas Bauer, Gerd Gigerenzer, Walter Krämer: Warum dick nicht doof macht und Genmais nicht tötet - Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik

Mit Blick auf den Umgang mit Zahlen und Statistiken in der Corona-Krise könnte man vielmehr glauben, das „Unstatistik-Virus“ verbreite sich in immer neuen Varianten quer durch die traditionellen und neuen Medien. Aber das muss nicht heißen, dass der Mangel an statistischem Denken heute größer ist denn je. Womöglich schauen wir einfach nur genauer hin, haben genauere Diagnose-Instrumente und beleuchten damit immer größere Teile dessen, was sich einmal im Dunkelfeld schlechter Statistik befunden hat.

Das zeigt sich nicht zuletzt darin, dass sich immer mehr Medien auf die Unstatistik berufen. Sei es, indem sie unsere Beiträge weiter verbreiten oder indem sie uns Unstatistiker zu verschiedenen Themen zu Rate ziehen. Eine kleine Chronologie ausgewählter Beispiele soll diese positive Entwicklung illustrieren.

  1. Juli 2019. Capital schreibt über „falsche Schlüsse über vegane Ernährung“ und lässt die „Experten der Unstatistik“ erklären, warum deren positiven Effekte auf das Risiko für Diabetes II erheblich geringer sind, als eine Studie vermuten lässt.

  2. März 2020. FOCUS Online berichtet über das Engagement der Unstatistik für eine bessere Datenlage in der Pandemie. In den folgenden zwei Jahren bittet das Nachrichtenportal die Unstatistikerin Katharina Schüller im fast einhundert Artikeln um Einschätzungen und kürt sie zur „Corona-Erklärerin“. Auch BILD und BILD am Sonntag lassen sich seitdem immer wieder die Corona-Zahlen von uns erklären. Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass gerade diese reichweitenstarken Plattformen uns regelmäßig selbst mit Unstatistiken versorgen – aber es ist

ein kleiner Schritt in Richtung Aufklärung zahlreicher Menschen, die mit wissenschaftlicher Herangehensweise sonst recht wenig in Berührung kommen.
  1. März 2020. Horizont erklärt, warum Statistiker bei Corona-Tests ein Wörtchen mitreden sollten. Die derzeitige Datenlage lasse keine Schlüsse auf die Ausbreitungswahrscheinlichkeit oder die Todesrate zu, zitiert Horizont aus der Unstatistik vom März 2020. Die ZEIT lädt die Unstatistiker ein, ebendiesen Beitrag als Gastbeitrag zu veröffentlichen, der viel beachtet und kommentiert wird. Capital greift das Thema unmittelbar auf und mahnt zur Vorsicht bei den Prognosen zur Corona-Pandemie. Auch die nachfolgende Unstatistik aus dem April zur Frage, warum die Reproduktionszahl ihre Tücken hat, schafft es auf die Webseite von Capital.

  2. Juni 2020. Der STERN bittet die Unstatistiker um eine Einschätzung, was es mit der Corona-Blutgruppen-Studie auf sich hat. Blutgruppe A gleich hohes Risiko? Ein Thema, mit dem sich die Unstatistik selbst gar nicht explizit befasst hat. Aber das Magazin will proaktiv vermeiden, selbst eine Unstatistik zu produzieren. Kurz darauf folgt ein differenzierter Beitrag zur Blutgruppen-Studie, der unsere Experten-Einschätzung wiedergibt – ausgerechnet auf RTL.de, einer Plattform, die sonst eher für ihre reißerischen Darstellungen bekannt ist.

  3. Dezember 2020. Ein besonderer Höhepunkt für die Unstatistik: Wir hatten unter anderem den Bayerischen Rundfunk (BR) wegen seiner missverständlichen Aussagen über die Wirksamkeit der Corona-Impfung kritisiert. Die Reaktion: Der BR Faktenfuchs meldet sich bei uns und veröffentlicht kurz darauf eine selbstkritische Analyse.

  4. Februar 2021. In einem Telegram-Beitrag wird anhand einer Grafik ein „massiver Abbau“ von Krankenhäusern „zu Lasten des Gesundheitssystems“ diskutiert. Die Faktenprüfer-Initiative Correctiv fragt bei der Unstatistik nach und berichtet unsere Einschätzung, warum die Daten manipulativ dargestellt sind. Zwei Wochen später beruft sich Correctiv erneut auf die Unstatistik. Anlass diesmal sind falsche und irreführende Behauptungen zu potenziellen Nebenwirkungen und der Wirksamkeit des Covid-19-Impfstoffs der Firmen Biontech und Pfizer in mehreren Blog-Artikeln.

  5. Juni 2021. Auch wenn es nicht um Corona geht, erweckt die Unstatistik zunehmend Aufmerksamkeit. Horizont stellt klar, warum Grüne nicht unbedingt einen SUV vor der Tür haben, und kommentiert:

„Wer Statistiken verwendet, ohne sie zu hinterfragen, läuft Gefahr, die Ergebnisse falsch zu interpretieren.“
  1. Juli 2021. Der Weser-Kurier veröffentlicht einen allgemeinen Beitrag über die Unstatistik als „Lehrbeispiel für den Umgang mit Daten“. Im November folgt ein Interview zu den Hintergründen unserer Initiative. Im Anschluss übernimmt die Zeitung mehrere Folgen der Unstatistik.

  2. Januar 2022. Das Magazin Cicero fragt für seine Titelgeschichte zur „Pandemie der Wissenslücken“ bei der Unstatistik nach. Denn wir haben „seit Beginn der Corona-Krise neu publizierte Zahlen und deren Interpretationen hinterfragt“ und die Probleme „in leicht verständlichen Worten“ und „frühzeitig deutlich gemacht“.

Das ist nur ein kleiner Ausschnitt der großen Resonanz, die unsere Initiative gerade während der Corona-Pandemie in den sozialen Medien erfahren hat. Wir erzielen Wirkung – neben den genannten Beispielen zitieren und erwähnen uns die WELT, die Ruhrbarone, die FAZ, zahlreiche Podcasts. Teilweise gibt es sogar Beiträge in internationale Medien wie der lateinamerikanischen Ausgabe des Chigaco Tribune (Mai 2020) oder der türkischen Ausgabe von Hürriyet (Dezember 2021), die sich auf Aussagen von uns Unstatistikern beziehen.

Wir haben die Hoffnung nicht aufgegeben, dass zumindest die etablierten Medien sich durchaus um eine sachliche und neutrale Berichterstattung bemühen.

Aber alle haben eben ihre Sicht der Welt. Auch scheinen uns die Fälle, in denen Manipulation aus einem Mangel an Datenkompetenz entsteht, häufiger zu sein als diejenigen, in denen tatsächlich böse Absicht dahintersteckt. Sollte diese zugegebenermaßen optimistische Einschätzung zutreffen, dann können zumindest Qualitätsmedien durch einen achtsamen Umgang mit Statistik etwas dafür tun, damit die Menschen sowohl den Medien als auch der Wissenschaft wieder mehr Glauben schenken.

Dafür müssen sie aber auch die mit jeder Statistik verbundene Unsicherheit mit kommunizieren. Viel Misstrauen ist wohl gerade deshalb entstanden, weil insbesondere zu Beginn der Corona-Krise die Daten und die Schlussfolgerungen daraus als gesichertes Wissen dargestellt wurden. Als sich später herausstellte, dass manche Entwicklungen ganz anders verlaufen sind, dass man sich korrigieren musste, hat das nicht gerade das Vertrauen in die Medien und in die Wissenschaft gestärkt.

Die Unstatistik feiert Geburtstag! 🎂🥂 Und zum Geburtstag gibt es Geschenke 🎁: wir verlosen drei signierte Exemplare unseres neuen Unstatistik-Buches 📖, das gerade in der Mache ist, unter den Kommentaren zu diesem Beitrag. Auf die nächsten 10 Jahre 🎉 pic.twitter.com/P8oYnF6w7W — Unstatistik (@unstatistik) January 24, 2022

Es ist sicher keine leichte Aufgabe, Menschen ohne wissenschaftliche Ausbildung (und auch manchen Wissenschaftlern) klarzumachen, dass man auch aus unsicheren Daten richtige Entscheidungen ableiten kann.

In jedem Fall ist es eine Illusion zu glauben, dass Zahlen „für sich sprechen“.

Es braucht Experten, um Zahlen und Statistiken zu interpretieren. Wir Unstatistiker, die gelernt haben, Statistiken richtig in einen Kontext einzuordnen, fühlen uns in der Verantwortung, auf richtige und weniger richtige Interpretationen hinzuweisen – und auf Situationen, wo es eben „darauf ankommt“, was richtig ist und was nicht.

Und nur weil die Antwort oft lautet: „es kommt darauf an“, kann man auf Statistik nicht verzichten, bloß weil sie Unsicherheit nicht restlos beseitigt. Schließlich verzichten Menschen auch nicht auf medizinische Hilfe, obwohl es die Medizin bis heute nicht geschafft hat, auch nur irgendeinen von uns unsterblich zu machen. Medizin, richtig angewandt, verhindert, das wir vorzeitig an Krankheiten sterben oder übermäßig daran leiden.

Statistik, richtig angewandt, verhindert, dass wir übermäßig falsche Entscheidungen treffen oder unnötig lange entscheidungsunfähig sind.

Und um ganz deutlich zu machen, wo Statistik falsch angewandt wird, damit man es zukünftig besser machen kann, dafür erscheint uns die Unstatistik als außerordentlich geeignetes Mittel.

Hintergrund

Der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Bochumer Ökonom Thomas Bauer und der Dortmunder Statistiker Walter Krämer haben im Jahr 2012 die Aktion „Unstatistik des Monats“ ins Leben gerufen. Sie hinterfragen jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Die Aktion will so dazu beitragen, mit Daten und Fakten vernünftig umzugehen, in Zahlen gefasste Abbilder der Wirklichkeit korrekt zu interpretieren und eine immer komplexere Welt und Umwelt sinnvoller zu beschreiben. Seit August 2018 ist Katharina Schüller, Geschäftsleiterin und Gründerin von STAT-UP, Mitglied des Unstatistik-Teams.

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